| Vor der westlichen Haustür der Stadt Herzogenrath an der historischen aber
auch berühmt- berüchtigten Nieuwstraat/Neustraße war
der Eingang zur Zentralschachtanlage Willem I/II des
Steinkohlenbergwerks Domaniale, jenes nicht nur im
Limburger Steinkohlenbecken sondern wohl auf dem europäischen
Festland ältesten
Bergwerks. Die wechselhafte Geschichte dieses 1969
stillgelegten Bergwerks ist gekennzeichnet und
geprägt durch politische, kriegerische, revolutionäre,
wirtschaftliche und sozialpolitische Einflüsse. Eine
enge Schicksalsgemeinschaft verband das Bergwerk und das
Kloster Rolduc. Die Mönche des Klosters hatten bereits
im frühen 12. Jahrhundert die Bedeutung der Steinkohle
erkannt. Sie haben es gut verstanden, durch immerwährenden
Zukauf von Grundeigentum, gleichzeitig auch dem jeweiligen Recht
entsprechend, ebenfalls die Abbaurechte der darunter
liegenden Steinkohle im Raume von und um Kerkrade zu
besitzen. Etwa ab dem 13. Jahrhundert waren aufwändigere
technische Einrichtungen wie Schächte, Stollen und
Wasserhaltungen erforderlich. Hierfür fehlten den
einzelnen Kohlengräbern, die als so genannte „Köhler“
die oberflächennahen Lagerstätten ausbeuteten, das
erforderliche Wissen und Kapital. Erst die Zusammenschlüsse
etwa im 17. und 18. Jahrhundert zu Köhlergemeinschaften
(Gewerken /Sozietäten) führten zu einem intensiveren
Abbau der Kohle in tieferen Erdschichten. Das Kloster
vergab Abbaurechte gegen ein Entgelt an solche Gewerken.
Diese waren jedoch häufig zerstritten und hatten schließlich
nicht das notwendige Kapital und erforderliche Wissen für
den risikoreicheren Kohlenabbau.
Der damalige Abt von
Rolduc, Petrus Chaineux, ein erfahrener Bergingenieur
und anerkannter Geologe, entschied, selbst Bergbau zu
betreiben. Er holte Experten aus dem Raum Lüttich, war
mit ihnen sehr erfolgreich in der Beherrschung der
Grubenwässer, die Kohlengewinnung ging zügig voran ,
und dank guten Gewinns beim Kohlenverkauf entwickelte
sich das Bergwerk gut. Die Grube beschäftigte um 1780
mehr als 800 Bergleute. Diese standen aber auf der
tiefsten Sprosse der sozialen Leiter. Ganze Familien-
einschließlich Frauen und Kinder - arbeiteten unter
Tage für einen geringen Lohn und unter extrem
schwierigen Bedingungen. Zum besseren Abtransport der
nicht vom Kloster benötigten Kohle an die Kunden ließ Abt Chaineux befestigte Straßen bauen. Die Trasse der ersten
Straße in Richtung Richterich folgte der Linie der
heutigen Nieuwstraat/ Neustraße.
Trotz vielfacher Besitzveränderungen im Laufe der Jahrhunderte -
insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert- infolge von
Erbfolgekriegen aufgrund erheblicher territorialer Veränderungen
auch im Lande s´Hertogenrode, konnte das Kloster seinen
bergbaulichen Besitz ständig erweitern. Nach der französischen
Revolution Ende des 18. Jahrhunderts erfreute sich der
klösterliche Bergbau eines für die damalige Zeit hohen
technischen Standes und angesehener wirtschaftlicher
Prosperität. 1793 ergriff die französische Armee
Besitz vom Kloster Rolduc und verstaatlichte das
gesamten Bergbaueigentum. Weil die französische
Regierung die Gruben in die Dienste der staatlichen
Verwaltung überführte (Domänen) hat sich der Name des
Grubenbesitzes Mines Domaniales (Staatsgruben) geändert. Unter der
Militärregierung wurden die Gruben zugrunde gerichtet, weil ausgebeutet, und nicht investiert wurde. Die Herrscher
beschlossen daher, diese zu schließen. Ab 1797 wurden
alle linksrheinischen Gruben unter zivile Verwaltung gestellt. Die Leitung der Bergwerke kam in
die Hände von Fachleuten. Da die alten Klostergruben in
einem desolaten Zustand
waren und keine weitere Entwicklung möglich war,
entschieden die französischen Machthaber, den Bergbau
auf die Höhe von Kerkrade zu verlegen. Nach einem
bereits existierenden Plan von Abt Chaineux wurden mehrere neue Schächte
geteuft. Diese
lagen alle in der Nähe der späteren Schachtanlage des
Bergwerks Domaniale an der Nieuwstraat.
Beim Wiener Kongress wurden 1815 die Grenzen in Europa neu festgelegt. Der
erste König des neu gegründeten Staates der
Niederlande war Willem I. Als Ergebnis der neuen
Grenzziehungen wurden
die Städte Kerkrade und s´Hertogenrode (Herzogenrath)
getrennt, indem die Wurm die neue Grenze bildete. Die
Trennung spaltete auch die Nieuwstraat genau in der
Mitte in niederländisches und preußisches Gebiet. Das
Eigentum an dem Bergwerk ging über an den niederländischen
Staat. Der Name wurde in Domaniale Mijn (Domaniale
Steinkohlenbergwerk) geändert.
Mit der endgültigen Festlegung der niederländisch-preußischen Grenze
durch den Grenzvertrag vom 26. Juni 1816 entstanden
bergrechtliche Absonderheiten, die sich bis in die
letzten Tage des hiesigen Bergbaus auswirkten. Infolge
Gebrauch von unterschiedlichen Koordinatensystemen durch
die niederländischen und preußischen Markscheidereien
und der daraus entstandenen Berechnungsungenauigkeiten
kam es zu bedenklichen Annäherungsstellen und sogar zu
ungewollten Durchschlägen zwischen Domaniale und Anna.
Diese wiederum führten später zu umfassenden
Wasserhaltungsmaßnahmen während der Restlaufzeit von
Anna und Emil Mayrisch.

(Foto:
Paul Geilenkirchen)
Währen das Gebiet östlich der Staatsgrenze an Preußen fiel , wurde der
niederländischen Grube Domaniale das bis an die Wurm
reichende Abbaugebiet unter preußischem Boden weiterhin
als konzessioniertes Abbaugebiet zuerkannt. Es konnte
unter preußischem Staatsgebiet nach niederländischem
Bergrecht unter niederländischer bergbehördlicher
Aufsicht Bergbau betrieben werden. Die veralteten
Strukturen auf Domaniale waren nicht mehr
wirtschaftlich. Unter der Leitung von Berg.-Ing. Josef
Büttgenbach wurde im Jahre 1825 ein neuer Schacht, Willem I, genau an der Stelle
geteuft , wo einst die Franzosen den Schacht
„Bonaparte“ erstellt hatten, und eine Dampffördermaschine
nahm den Förderbetrieb auf.
Während der belgischen Revolution 1830-1833
begehrte die südliche Provinz der Niederlande
auf und trennte sich vom niederländischen Königreich.
König Willem I bekämpfte die Revolution mit starken
militärischen Mitteln, bis die Staatskassen fast leer
waren. Während des Separatistenkrieges fiel das
Steinkohlenbergwerk Domaniale in die Hände der
probelgischen Bewegung und verfiel erneut in einen
desolaten Zustand. Daher gab es auch kein Geld, die
ohnehin kargen Löhne der Bergleute auszuzahlen. Im
Jahre 1833 war Limburg in einen belgischen und einen
niederländischen Teil gespalten. Das
Steinkohlenbergwerk Domaniale wurde endgültig ein
Staatsbergwerk. Der Spitzname Hollendsje Koel
stammt aus dieser Zeit.
1845 erhielt die Aachen-Maastrichter Eisenbahngesellschaft eine Konzession
zur Errichtung einer Eisenbahnlinie zwischen Aachen und
Maastricht. Diese wurde 1853 eröffnet. 1871 erhielt die
Grube Domaniale durch eine Seitenlinie über Simpelveld
einen Anschluss an das belgische und preußische
Eisenbahnnetz. Zur Minderung des Risikos von Bau und
Betrieb dieser Eisenbahnlinie erteilte König Willem I
Preußen das Recht zur Nutzung des Steinkohlenbergwerks
Domaniale für 99 Jahre. 1898 wurde die
Aachen-Maastrichter Eisenbahngesellschaft in Domaniale
Steinkohlengesellschaft umbenannt, weil die Gesellschaft
sich fortan nur dem Steinkohlenbergbau widmete.
Obwohl die Niederlande während des Ersten Weltkrieges
eine neutrale Stellung einnahmen, ging die
Kriegsmisere an Domaniale nicht spurlos vorüber. Etwa
150000 deutsche Soldaten marschierten über die Neustraße
an die belgische Grenze. Die Deutschen errichteten einen
Stacheldrahtzaun entlang der Nieuwstraat, um
Desertationen deutscher Soldaten nach Holland zu
verhindern. Die holländische Regierung ordnete
ihrerseits an, alle Fenster und Türen, die zur Neustraße
hin gelegen waren , mit Kükendraht zu verschließen, um
Schmuggel zu verhindern. Damit war aber auch der Zugang
zu der Schachtanlage Willem I/II nicht zu benutzen.
1919 ging das Eigentum am Steinkohlenbergwerk Domaniale an den Konzern
„Scheepvaart-en Steenkohlenmaatschappij“, der
seine Sitz in Rotterdam hatte , über. Im März 1921 entschieden die staatlichen und
privaten Steinkohlengruben gemeinsam, entsprechend den
schlechten Betriebsergebnissen und dem Einbruch der
Verkaufserlöse während des Krieges, die Löhne der
Bergarbeiter angemessen zu senken. Aufgrund des großen
Druckes durch die Regierung wurde die Entscheidung darüber
aufgeschoben. Die Direktion des Steinkohlenbergwerkes
Domaniale setzte jedoch die Lohnkürzung durch.
Domaniale musste nämlich seit 1880 an den Staat je
Tonne Kohle vier Gulden abliefern. Zehn Jahre lang
verhandelte die Betriebsleitung mit dem Staat über eine
Änderung der Bedingungen aus dem Staatsvertrag. Es konnte keine Einigung erzielt werden. Daher wurde vermutet,
die Direktion des Unternehmens benutze die
Lohnreduzierung um Druck auf die Regierung auszuüben.
Die Bergleute der Domaniale traten am 1. August 1921 in
einen siebenwöchigen Streik, dem längsten im
Limburgischen Steinkohlenbergbau. 1925 kam man endlich
zu einer Einigung. Es wurde die N.V. Domaniale
Mijn Maatschapij Kerkrade, die Domaniale
AG Kerkrade, gegründet.
Der große wirtschaftliche Niedergang von 1930-1940 erfasste auch
Domaniale.
Ausländische Bergleute wurden massenweise entlassen.
Zur Beschäftigung der niederländischen Bergleute
erfolgte auf Staatskosten der Bau einer Eisenbahnlinie
von Heerlen nach Simpelveld für eine Million Gulden,
dem sogenannten Milijonenlijntje
(Millionenlinie). 1934 wurden auf Domaniale großzügige
Elektrifizierungsmaßnahmen eingeleitet. Das
Dampfzeitalter ging seinem Ende zu.
Der Zweite Weltkrieg brachte der Domaniale finstere Jahre durch die
deutschen Besatzer. Passiver Widerstand wurde gegen die geforderte Erhöhung der Kohlenförderung
geleistet. Schwere Vergeltungsmaßnahmen der Deutschen
waren die fürchterliche Reaktion darauf. Bei Anrücken
der Amerikaner Anfang September 1944 standen Kerkrade
und die Schachtanlage unter schwerem wechselseitigem
Artilleriebeschuss. Die Förderung konnte jedoch nach
der Befreiung bald wieder aufgenommen werden.
Bei Kriegsende genossen die Bergleute wieder großes Ansehen. Die
Kohlenproduktion der Bergwerke war die treibende Kraft für die Volkswirtschaft
im Lande. Aber
auch Opfer waren zu beklagen. In den 1950er Jahren
verunglückten im Durchschnitt drei Bergleute pro Monat
tödlich!
1948 war die Ära der Dampffördermaschine beendet. Die Dampffördermaschine
am Schacht Willem I wurde nach 55 Jahren außer Betrieb
genommen. Die elektrische Fördermaschine hielt ihren
Einzug.
Eine kurze Blütezeit erlebte die Domaniale in der Periode von 1950-1960.
Das Steinkohlenbergwerk war in einem guten Zustand, die
Löhne hoch und die Bergleute erfreuten sich eines
beachtlichen Wohlstandes. Die Belegschaft verringerte
sich, weil Bergleute wegen des höheren Lohnes nach
Deutschland gingen. Gastarbeiter kamen aus Italien,
Marokko und Spanien.
In den frühen 60er Jahren wurde deutlich, dass der Bergbau in Limburg
seinen Höhepunkt überschritten hatte. Die meisten
Gruben erwirtschafteten Verluste. Nach der Entdeckung
gewaltiger Naturgasvorkommen bei Groningen stellte die
niederländische Industrie massiv auf den Einsatz von
Gas um.
1966 übernahm der niederländische Staat alle Aktien der Domaniale
Bergwerksgesellschaft. Am 29. August 1969 wurde der
letzte mit Anthrazit gefüllte Förderwagen ans
Tageslicht gebracht. Das Bergwerk wurde endgültig
stillgelegt. Die Regierung stellte Konkursantrag für
die Domaniale Steinkohlengesellschaft. Die
Stadtverwaltung von Kerkrade meldete Ansprüche auf
Bergschadensregulierung an. Das Mitglied des
Parlamentes Rabbae (Grüne Partei) stellte kritische
Fragen an den Wirtschaftsminister. Das Ergebnis war der
Bankrott der Gesellschaft, die Tausenden von Bergleuten
den Lebensunterhalt gewährt hatte, die für die Eigentümer
aber nie wirklich profitabel war.
Weder ein Gedenkstein noch eine Gedenktafel erinnern heute an das einst so
bedeutende Steinkohlenbergwerk in Kerkrade. Allenfalls
einige Straßennamen wie Schachtstraat, Grauweck,
Senteweck, Finefrau, Athwerk, Plattewei, Caplei,
Feldbiss und Domaniale Mijnstraat lassen den Standort
der Zentralschachtanlage des früheren
Steinkohlenbergwerks Domaniale erahnen.
Friedrich
Ebbert
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