Denkmal aktiv 2015/16

Die Bergarbeitersiedlung Alsdorf-Busch – Ein denkmal aktiv Projekt der Gustav-Heinemann-Gesamtschule, Alsdorf

 

Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten.“ Diese Worte des amerikanischen Philosophen George Santayana erhalten in Alsdorf eine ganz besondere Bedeutung.

Der Alltag in den Schulen zeigt, dass die Bergbauvergangenheit kaum Eingang in den Unterricht findet. So verwundert es nicht, das die Schülerinnen und Schüler wenig bis gar nichts über die Geschichte des Bergbaus und seine Hinterlassenschaften wissen. Die Ursachen sind vielfältig, aber überwiegend geben die Lehrpläne wenig Spielraum und auch in den entsprechenden Schulbüchern spielt der Steinkohlenbergbau und seine Geschichte kaum noch eine Rolle. Umso wichtiger ist es diese Lücken zu füllen. Dies ist mitunter eine der Aufgaben unseres Vereins.

Das Schulprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz „denkmal aktiv“ bietet einen Rahmen, um im Rahmen schulischer Projekte das Thema Kulturerbe und Denkmalschutz in den Fokus zu rücken.

Die Gustav-Heinemann-Gesamtschule Alsdorf konnte zusammen mit unserem Verein die Juroren mit seiner Projektidee überzeugen und wurde in das Förderprogramm aufgenommen.

Die Projektidee

„Wir können nur schützen, was wir kennen“ – Dieser Werbespruch für die Umweltinitiative des Landes NRW trifft im gleichen Maße auch auf den Erhalt historischer Gebäude und anderer Baudenkmäler zu. Ausgehend von diesem Leitspruch sollten die Schülerinnen und Schüler des 7. Jahrgangs ihre Heimatstadt unter neuen Blickwinkeln erleben und erfahren. Durch die intensive Auseinandersetzung mit den denkmalwürdigen Gebäuden und den eingetragenen Baudenkmälern der Industriegeschichte sollte ein Bewusstsein für den Erhalt historischer Gebäude, der modernen Nutzung sowie deren Bedeutung für die eigene Identität als Alsdorfer/Alsdorferin geschaffen werden. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich im Rahmen des Unterrichts im Fach Gesellschaftslehre intensiv mit einzelnen Schwerpunkten auseinandersetzen. Dabei sollen sie den Begriff des Baudenkmals aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennenlernen und auch verstehen lernen, welche Kriterien für eine Unterschutzstellung angewandt werden. Konkretisiert werden sollten diese Ziele anhand der Bergarbeitersiedlung Alsdorf-Busch. Durch die Auseinandersetzung mit einer konkreten Siedlung, sollten die allgemeinen Ansätze auf eine greifbare (und den Schülern bekannte) Ebene runter gebrochen werden. Das Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Siedlung Busch sollte in einem kleinen Reiseführer oder einem Flyer münden.

Von der Idee zum Produkt

Das gesamt Projekt war in unterschiedliche Phasen gegliedert, die unterschiedliche inhaltliche und methodische Schwerpunkte beinhalten.

Phase I – Theorie muss sein

Zunächst wurden im Unterricht die Grundlagen gelegt und der Frage nachgegangen: „Was ist eigentlich ein Baudenkmal“.

Hierbei wurden unterschiedliche Gattungen von Denkmälern aufgeführt, was auch bewegliche Denkmäler (in Alsdorf haben wir die Bergwerkslokomotiven Anna 8 und eine Dampfspeicherlokomotive der angegliederten Anzith-Werke) und Bodendenkmäler einschließt.

Dabei war wichtig, dass nicht nur ästhetische Gründe für die Unterschutzstellung eines Gebäudes, eines Ensembles, eines Bodendenkmals oder beweglichen Denkmals ausschlaggebend sind, sondern auch deren historische und/oder gesellschaftliche Bedeutung mit in den Entscheidungsprozess einfließen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Denkmal/Denkmalschutz und die sich daraus für die Schülerinnen und Schüler resultierenden Erkenntnisse waren besonders wichtig. So wurde für viele der Denkmalbegriff insofern erweitert, dass beispielsweise nicht nur die historische Kirche oder eine Burg ein Denkmal sein können und somit schützenswert sind, sondern auch „einfache“ Bergmannshäuser“ in ihren Siedlungen erhaltens- und schützenswerte Objekte darstellen. Beide Gruppen erkannten durch Befragungen der Bewohner der Siedlung Busch, dass eine Bergmannssiedlung mehr ausmacht, als eine Ansammlung von Häusern und Gärten. Sie erkannten, dass Identität eine wichtige Rolle spielt und gerade solche Siedlungen zur Ausbildung der lokalen Identität beitragen.

Phase II – Gute Planung ist wichtig

Neben den theoretischen Grundlagen zur Denkmalpflege spielten auch die methodischen Fertigkeiten eine wichtige Rolle. So wurde erörtert, in welcher Form die Auseinandersetzung mit der Siedlung Busch stattfinden sollte. Den Schülerinnen und Schülern wurde schnell klar, dass die Bewohner einen wichtigen Schlüssel darstellen.

In Zusammenarbeit der Fächer Deutsch und Gesellschaftslehre wurden die Grundlagen für Interviewtechniken und in Gruppen Interviewleitfäden für die spätere Feldforschung erstellt. Dabei standen die Begriffe „Heimat“ und „Identität“, Veränderungen der Umwelt vor und nach dem Bergbau sowie die Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt der letzten 50 Jahre in Alsdorf im Vordergrund und wurden mit in den späteren Interviewleitfaden eingearbeitet. Ganz wichtig war die Fragestellung nach den Bergbausiedlungen als Identifikationsorte und der Wandel des Lebens und Wohnens in einer Bergarbeitersiedlung.

Als Ergebnis dieser Arbeitsphase konnte ein Fragebogen präsentiert werden, mit dem die einzelnen Gruppen in der Feldforschungsphase  vor Ort Informationen sammeln sollten.

Phase III – Endlich vor Ort

Im Rahmen von Unterrichtsgängen erkundete die Klasse die Siedlung Busch. Begleitet und angeleitet wurden die Schülerinnen und Schüler durch Mitglieder des Bergbaumuseumsvereins; sie sollten in der Siedlung Busch Informationen in Form von Interviews sammeln und nach den erarbeiteten Vorgaben Fotografien anfertigen. Insgesamt vier Gruppen führten die Interviews in der Bergbausiedlung Busch durch, indem sie z.T. Passanten ansprachen, aber auch an Haustüren klingelten, um die Bewohner zu den Themenschwerpunkten zu befragen. Die Antworten wurden auf den Fragebögen dokumentiert und durch Fotografien ergänzt. Dabei ergaben sich auch für die Schüler sehr ungewöhnliche Begegnungen. So wurden sie von einem ehemaligen Bergmann eingeladen, sein privates Bergbaumuseum anzuschauen. So wurde ihnen klar, welche Bedeutung die Bergbauvergangenheit immer noch im Bewusstsein von Teilen der Bevölkerung hat.

Die Ergebnisse wurden dann in den darauf folgenden Tagen  in der Schule in den Arbeitsgruppen ausgewertet. Die einzelnen Gruppen stellten Vorschläge und Entwürfe zu einem Wanderweg durch die Siedlung Busch vor.

Im Deutschunterricht wurden die Ergebnisse dann in Berichtsform zusammen gefasst (was auch zum Lehrplan passte, da „Berichte“ zu diesem Zeitpunkt auch Unterrichtsschwerpunkt waren).

Im Anschluss wurde eine Projektgruppe aus dem Schülerkreis gebildet, die an dem Workshop bei einem Alsdorfer Grafikbüro zur Umsetzung der Ergebnisse in einen Flyer teilnehmen sollten. Die Schülerinnen und Schüler wurden dann an mehreren Vormittagen vom Unterricht freigestellt, um Gestaltungskriterien eines Flyers und deren Umsetzung am Rechner kennen zu lernen und dann gemeinsam mit diesem die Gestaltung sowie die Auswahl der Bilder, Grafiken und Texte vorzunehmen.

Phase IV – Von der Idee endlich zum Produkt

Wichtiger Teil für die Schülerinnen und Schüler war die öffentliche Präsentation der Ergebnisse im Rahmen einer Pressekonferenz im Energeticon. Ende Mai konnten der Flyer und somit die Ergebnisse der monatelangen Arbeit der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Hier war besonders wichtig, dass die Arbeit und der Einsatz der Klasse auch außerhalb der Schulmauern wahrgenommen wurde.

Was bleibt hängen?

Die Ergebnisse dieses Projektes lassen sich nicht in einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung erklären. Zum einen haben die Schülerinnen und Schüler eine neue Sicht auf ihre Stadt, auf Denkmäler und die Bergbauvergangenheit gewonnen, zum anderen erhielten sie einen persönlichen Gewinn, indem sie gelernt haben sich intensiv mit ihrer Heimat anhand unterschiedlicher methodischer Zugänge auseinanderzusetzen. Die Schülerinnen und Schüler kennen die Projektarbeit und die Arbeit in Kleingruppen bereits von der 5. Klasse an. Es gehört mit zum Konzept der Gesamtschule, das selbständige Arbeiten zu fördern. Dies wurde in einem in sich geschlossenen Projekt, wie der Untersuchung der Siedung Busch, noch weiter gestärkt, da hier konkret greifbare bzw. vor Ort sichtbare Untersuchungselemente Gegenstand der Arbeit waren. Die besondere Form der Selbständigkeit bestand auch darin, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Interviewpartner selber suchen und befragen mussten, ohne dass eine Einflussmöglichkeit der Lehrkräfte erfolgt wäre. Dadurch war in der Feldforschungsphase ein sehr hohes Maß an selbständigem Arbeiten gefordert. Bedingt durch das angestrebte Ziel, etwas Bleibendes in Form eines Flyers zu schaffen, waren die Schülerinnen und Schüler durchweg motiviert, am Ende des Projektes etwas Greifbares, was zudem noch öffentliche Beachtung findet, mitnehmen zu können.

Was bleibt, ist die Überzeugung, dass alle am Projekt Beteiligten eine neue Sicht auf ihre Stadt, ihre Heimat und ihre Geschichte gewonnen haben.

Aussichten für die Zukunft

Die Ergebnisse und das Engagement der Schülerinnen und Schüler an diesem Projekt haben ermutigt, sich für ein weiteres Projekt zu bewerben. Neben der Gustav-Heinemann-Gesamtschule und unserem Verein konnte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) als Projektpartner gewonnen werden. Das neue Projekt, das von der Jury angenommen und als förderwert befunden wurde, beschäftigt sich mit den Alsdorfer Halden und wird im Speziellen die Halde Anna Noppenberg im Fokus haben. Hierbei stehen Umweltschutz und Kultur im Fokus der Betrachtung. Die Ergebnisse werden im Juni der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Der Flyer zum freien Download.

Denkmal aktiv im Internet: www.denkmal-aktiv.de

Pressebericht AZ 1.7.2016