Das Grubenunglück von 1930 auf Grube Anna

Ansicht der Grube Anna II vor der Katastrophe vom 21. Oktober 1930

Am 21. Oktober 1930 ereignete sich um 7:30 Uhr auf der Schachtanlage Anna II des Steinkohlenbergwerks Anna eine folgenschwere Schlagwetterexplosion. Bei diesem Unglück starben 279 Menschen. Von den 650 untertage sich aufhaltenden Bergleuten wurden 246 und übertage 25 getötet. Weitere 304 Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Davon 267 untertage und 37 übertage.Die toten Bergleute hinterließen 146 Witwen, 9 Vollwaisen und 203 Halbwaisen. Gemessen an der Zahl der Todesopfer und der Verletzten war dieses Unglück derzeit das schwerste im Aachener Steinkohlenrevier und das zweitschwerste im deutschen Steinkohlenbergbau.

Das vollständig zerstörte Schachtgerüst und das Kauengebäude

Das Unglück löste nicht nur in Deutschland sondern auch international eine große Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität aus. Dies wahrscheinlich daher, weil die Katastrophe auch an der Erdoberfläche mit allen Sinnen von den Menschen erfasst werden konnte, was sonst bei bei Bergwerksunglücken eher ungewöhnlich ist. Nach den Maßstäben jener Zeit kamen enorme Geldspenden in Höhe von mehr als zwei Millionen Reichsmark in dem vom Aachener Regierungspräsidenten gegründeten Hilfsfond zusammen.

Das umgestürzte Schachtgerüst

Das Unglück war die Folge einer schweren Schlagwetterexplosion auf der 360 Meter-Sohle in der Nähe des Eduardschachtes. In diesem Schacht zogen die frischen Wetter in den unterirdischen Bereich des Bergwerkes ein. Die Auswirkungen der Explosion waren insofern außergewöhnlich, als massive Zerstörungen nicht nur auf der 360 und der 460 Meter- Sohle in Form von Streckenbrüchen zwischen 100 und 300 Metern erfolgten sondern die Verwüstungen auch im Eduardschacht und über Tage außergewöhnlich groß waren.

Die Wucht der Explosion war sehr gewaltig. Übertage wurde das massive Schachtgebäude samt Hängebank mit Wagenumlauf zerstört. Das stählerne Fördergerüst über dem Eduardschacht wurde aus seinen Fundamenten gerissen. Es stürzte um, zertrümmerte die östliche Wand des Belegschaftsgebäudes und die benachbarten Verwaltungsgebäude, in denen sich der Betriebsführer August Kleine und 11 andere Aufsichtspersonen befanden. In der näheren und weiteren Umgebung Alsdorfs zerbarsten Fenster, Türen wurden eingedrückt. Die Detonation war weithin wahrnehmbar. Der aus dem Eduardschacht aufsteigende Rauch durchzog die Straßen und Häuserzeilen der Stadt. Zum Glück blieben der ausziehende Wilhelmschacht und sein Ventilator unbeschädigt, so dass viele Bergleute infolge weitgehend funktionierender Wetterführung überlebt haben. Der amtierende Betriebsdirektor, Bergassessor Hans Joachim Rauhut, ordnete die sofortige Evakuierung der beiden Gruben Anna II und Anna I an, alarmierte die Hauptstelle für das Grubenrettungswesen auf dem Steinkohlenbergwerk Maria, die Kreisfeuerwehr Aachen-Land sowie die Werkswehr der benachbarten Teerverwertungsgesellschaft .

Hilfskräfte eilen zum Einsatzort

Bereits um 8:10 waren die ersten Grubenwehrtrupps und um 8:40 die Feuerwehren zur Stelle und wurden von Anna I her bzw. auf Anna II über Tage eingesetzt. Nachmittags trafen Grubenwehr- und Feuerwehrtrupps aus dem Ruhrgebiet und dem Niederrhein ein. Dem größten Teil der Belegschaft gelang die normale Ausfahrt über die Schachtanlagen Anna I und Adolf. Eine große Zahl noch lebender und zum Teil verletzter Bergleute konnte noch am selben Tage geborgen werden. Die nicht verschütteten Toten wurden bis Donnerstag, den 23. Oktober geborgen. Noch am 5. November war es nicht möglich, an alle von der Explosion betroffenen Stellen heranzukommen. Übertage konnte man noch nicht die Schachtmündung freilegen. Die Abbaubetriebe waren von der Explosion nicht unmittelbar erfasst worden. Jedoch wurden von den 10 Revieren fünf durch Nachschwaden vergast. Damit kamen die Experten zu dem einzigartiger Befund, dass sich die Explosion im einziehenden Eduardschacht und in den einziehenden Hauptstrecken massiv ausgewirkt hatte, aber an den Grenzen zu den Abbaubetrieben zum Stillstand gekommen war. Demnach konnte vom Sachverhalt her festgestellt werden, dass die Explosion sich vom Schacht her bis zu den Bereichen fortpflanzen konnte, in denen die ersten Gesteinsstaubsperren nach Vorschrift im Felde vorhanden waren. Die Sperren hatten somit ihre gewollte Wirkung erzielt, denn im Vorbereich musste die Temperatur extrem hoch und die Gewalt der Explosion so ungewöhnlich stark gewesen sein, dass der vorhandene und aufgewirbelte Kohlenstaub an einzelnen Stellen teilweise verkokt worden war. (Textauszug aus Friedrich Ebbert: Was geschah am 21. Oktober 1930. In: Heimatblätter des Kreises Aachen – Das Alsdorfer Grubenunglück. Aachen 2005)

Die Zeitungen berichteten noch am gleichen Tag in ihren Abendausgaben über das Ausmaß der Katastrophe. Schon unmittelbar nach der Katastrophe war klar, dass eine große Anzahl von Verletzten und Toten zu beklagen sein würde. In den ersten Stunden nach dem Unglück hatte man noch keine Vorstellung vom tatsächlichen Ausmaß der Katastrophe. So ging man zunächst von 50 – später von 100 Toten aus.

Die Berichterstattung reichte weit über die Region hinaus.

Einen Tag später war die Zahl bereits auf 200 Opfer angestiegen, eine Zahl, die immer wieder nach oben korrigiert werden musste.

Vom Schlepper bis zum Betriebsführer hatte das Unglück der Katastrophe niemanden verschont. Durch das umgestürzte Schachtgerüst waren zudem auch Übertagepersonale umgekommen. Unter den Opfern befand sich als einzige Frau eine Sekretärin der Verwaltung.

Die gesamte Region trauerte um die Toten von Alsdorf.

Die Beisetzung wurde für den 25. Oktober angesetzt. Am Tag der Beisetzung der Opfer des Alsdorfer Grubenunglücks trauerte das ganze Land. Die Fahnen hingen an diesem Tag in Deutschland auf Halbmast. In Alsdorf kamen rund 150.000 – andere Quellen sprechen von bis zu 200.00 Menschen zusammen, um Abschied von den toten Bergleuten zu nehmen.

Trauerzug durch die Stadt

Die Trauernden säumten die Straßen, an denen der Zug entlang führte, der nach der Trauerfeier
in der Lohnhalle der Grube Anna I durch die Innenstadt zog. Vergessen sind die Opfer von damals
nicht. An die größte Katastrophe in der Geschichte des Aachener Kohlereviers erinnert noch
heute ein Ehrenmal auf dem Alsdorfer Nordfriedhof. Allein dort wurden 145 Getötete bestattet.

Grabreihen auf dem Alsdrofer Nordfriedhof

Vier gewaltige Kreuze mit drei Reliefarbeiten sind stumme Zeugen des Unglücks. Auch auf anderen
Friedhöfen der Stadt Alsdorf – in Schaufenberg, Kellersberg und Mariadorf – finden sich Gedenktafeln, die ebenso an die Geschichte des Bergbaus erinnern, der in der Aachener Region fest verwurzelt war und ist.

Ehrenmal auf dem Alsdorfer Nordfriedhof

Untersuchungsstäbe und –kommisionen beschäftigen sich mit der Ursache des Unglücks. Letztendlich konnte diese nicht mit endgültiger Sicherheit geklärt werden. Vermutlich war eine Schlagwetter- mit anschließender Kohlenstaubexplosion die Ursache für die große Anzahl von Opfern.

Aufräumarbeiten an der Unglücksstelle

Kurze Zeit nach dem Grubenunglück begannen die Aufräumarbeiten. Unmengen von Schutt und Stahl mussten beseitigt werden. Mittels Eisenbahnwaggons wurden die Reste abgefahren.

Nur sechs Monate später waren die gröbsten Schäden unter- wie übertage beseitigt und bereits im Mai 1931 konnte die Förderung auf der Grube Anna II wieder aufgenommen werden. Das Sozial- bzw. Kauengebäude erhielt annähernd sein heutiges Aussehen. So lassen sich durch die unterschiedlichen Baustile noch heute die Folgen des Grubenunglückes von 1930 erahnen.

G.K.